Auszeit – Frühlingserwachen in Salzburg

Das Ankommen nach fünf Monaten Seefahrt bleibt für mich etwas Ungewohntes. Geordnete Supermärkte, pünktliche Verkehrsmittel, ungeduldige Ämter, die Vielzahl an jammernden Gestalten über belanglose Kleinigkeiten. Hinzu kommt die wiedergewonnene Freiheit, seinen Alltag selbst in die Hand zunehmen. Okay, auf nach Salzburg!

Seit fünf Wochen bin ich wieder in meiner oberbayerischen Heimat Ruhpolding. Ein über 6000-Einwohner-Paradies zwischen Berge und Seen, wenn es um Erholung geht.  Rauschberg und Chiemsee liegen vor meiner Haustür. Bis nach Salzburg ist es nicht mehr als ein Katzensprung. Mit einem Hopper-Ticket-By für 12,50€ im Rucksack beginnt meine Zugfahrt, bei der ich immer noch mit großen Augen und runtergefallener Kinnlage in Richtung Alpenpanorama starre. Die Sonne strahlt von einem unwirklich blauen Himmel herab und gedanklich arbeite ich mich von Gipfel zu Gipfel. Nach 53 Minuten Landschaftsporno hält der Meridianzug. Zugegeben, die Attraktivität von Salzburg spiegelt sich sicherlich nicht in seinem Bahnhof und dessen Umgebung wieder. Auf dem 30-minütigen Fußweg in Richtung Altstadt begegne ich mehreren Romabettlern aus Rumänien. Ich erwische mich dabei, dass ich heute mal abschalten will. Heute möchte ich mich nicht mit komplizierten Problematiken beschäftigen. Mein Couchstoff in den vergangenen Wochen aus Büchern und Dokumentarfilmen bleibt heute mal zu Hause:

 Buch-Favouriten

Die Schatten des Morgenlandes – Carsten Stormer  / Inside Islam – Constantin Schreiber / Zwei um die Welt – Hansen & Paul Höpner

Dokumentarfilm-Favouriten

The Look of Silence – Joshua Oppenheimer / Iraqi Odyssey – Samir / Morgen Woanders – Daniel Rintz

Meine paar Stunden heute sollen alleine der Erholung dienen. Also werfe ich für mein Gewissen zwei Bettlern, jeweils einen Euro in die leeren Becher, die wahrscheinlich direkt in einer Dose Bier oder in den Händen der Bettlermafia fließen. Mein Ziel des Tages: Abschalten! Was könnte zur Tiefenentspannung besser sein, als ein Spaziergang bei 21 Grad durch den Mirabellgarten, entlang der Salzach in Richtung Altstadt. Egal zu welcher Jahreszeit, ein Tagestrip in die Wirkungsstätte des weltberühmten Mozarts lohnt sich immer.

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Im Frühling, wenn die Bäume anfangen zu blühen und die Blumen zu duften, ist die österreichische Landeshauptstadt mit ihrer einzigartigen Umgebung ein Genuss. Bei so einem geschenkten Frühlingstag holt mich die Lust am Fotografieren wieder ein. Meine Spiegelreflexkamera gehört schon längst zu meinem Standardhandgepäck. Aber manchmal lasse ich sie auch einfach in meiner Tasche. Wenn ich etwas, während meinen Arbeitspausen auf dem Schiff gelernt habe, dann ist es zu Genießen ohne durch den Kamerasucher zuschauen. Daten speichern unter – Biofestplatte – meinem Kopf. Doch heute fühle ich mich wieder in Höchstform. Also raus mit meinem Liebling: Klick – Klick – Klick und durchbreche damit das Vogelgezwitscher.

Ich setze die Kamera ab. Mich überkommt das unwohle Gefühl, als gehöre ich einer chinesischen Reisegruppe an. Nur noch Mundschutz und Sonnenhut fehlen, dann könnte ich mich wohl unbemerkt einer Truppe anschließen. Es gibt kaum eine Sehenswürdigkeit ohne chinesische, russische oder arabische Touristen. Rasches Knipsen und Shoppen – Salzburg ist ein Touristenmagnet. Gerade Chinesen reservieren etwa 60% ihres Reisebudgets für Einkäufe und geben mit durchschnittlich 400 Euro am meisten pro Einkauf in Salzburg aus, laut der Global Blue-Studie von 2016. Okay, also Kamera erst einmal wieder rein in den Rucksack, wenn auch nicht lange. Ich atme tief den erfrischenden Frühlingsduft ein und laufe gemütlich in Richtung Salzach. Vom Makartsteg aus beobachte ich Pärchen, die versunken in ihrer Verliebtheit, das Geschehen um sich vergessen. Ein typisches Frühlingsbild. Ganz am Rande des Ufers finde ich auch ein paar Flüchtlinge, die ihre Kleidung im Fluss waschen. Ein merkwürdiges Schauspiel, was sich da zusammentut.

Ich schlender durch die winzigen Gassen zwischen Schatten und Sonnenstrahlen. Ich muss nur einige Bilder von der Altstadt sehen und bin wieder auf ein Neues von deren Schönheit beeindruckt. Nicht umsonst steht das historische Zentrum der Stadt seit 1996 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Mit jedem Besuch finde ich immer wieder neue Perspektiven auf die Festung Hohensalzburg. Die Festung ist mit über 7.000 m², einschließlich der Basteien mit über 14.000 m² bebauter Fläche, eine der größten Burgen Europas. Circa zehn Euro kostet eine sogenannte Basis-Rundführung. Vielleicht das nächste Mal.

Lieber verweile ich ein paar Minuten auf einer Bank des Kapitelplatzes und beobachte das Schachspiel mit überdimensional großen Figuren. Eine Gruppe älterer Herrschaften diskutieren gerade über den nächsten cleveren Schachzug. Im Hintergrund höre ich ein Gemisch aus der Melodie einer Straßenmusikantin und dem Poltern der Kutschen. Den Trubel an den zahlreichen Verkaufsständen blende ich aus. Bei so herausfordernden Sonnenstrahlen wäre es eine Verschwendung gewesen, den Tag auf der öden aber geliebten Couch zu verbringen. Langsam füllt sich wieder mein Körper mit Treibstoff. Ein herrliches Gefühl, aber nicht stillend. Meine Sehnsucht zum Meer wächst von Tag zu Tag stetig an. In zwei Wochen geht es wieder auf hoher See. Mein nächster Schiffseinsatz wartet, aber dazu später mehr.

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