Zwischen Urlaubsbrise und Nachrichtensturm – ein Resümee

Es ist naiv zu glauben, dass das Böse auf der Welt so einfach ein Ende nimmt. Zwischen kühlen Cocktails und sich bräunenden Gästen holt mich diese Naivität manchmal ein. Viereinhalb Monate arbeite ich als 2nd TV Operator auf dem Kreuzfahrtschiff AIDAstella. Dort, wo sich das Weltgeschehen fern anfühlt und doch häufig nah abspielt. Mit 24 Jahren bin ich noch grün hinter den Ohren und leicht zu beeindrucken. Gerade deswegen ist es ein Traumjob, der Selbstreflexion abverlangt.

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Abends in den Straßen von Aqaba, Jordanien (Foto: Josef M. Walter)

*** Sie haben Urlaub! ***

Familien breiten ihre gelb-weißen Handtücher aus, Rentner spielen Shuffleboard, Kinder planschen im Pool. Orient oder Mittelmeer – es herrscht Urlaubsstimmung. Wieso auch nicht? Endlich! Fern von Alltag und Regenwetter tanken ihre Körper wieder Kraft. Lesen, rauchen, abschalten. Jeden Samstag heißt es, für die neu aufgestiegenen Bordgäste auf AIDAstella: „Sie haben Urlaub!“ Kreisend tanze ich mit der Filmkamera zwischen den circa 2500 Passagieren hindurch. Halte das Lachen, Tanzen und Genießen der Cocktails fest. Schnell und gerne lass ich mich von der guten Laune und Unkompliziertheit anstecken. Eine weitere Arbeitswoche steht mir bevor! Auf der Agenda die Häfen von Villefranche-sur-Mer, La Spezia, Civitavecchia und Olbia. Freilich, das Eintauchen in fremden Kulturen, verbunden mit der Filmarbeit, ist und bleibt für mich eine Traumkombination.

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AIDAstella in Villefranche-sur-Mer

***Entlang der Küsten von Jemen, Somalia & Eritrea***

Doch es gibt sie. Die wenigen, stillen Momente. Abends, wenn ich auf Deck 5, im Crewbereich sitze und in die finstere Ferne des Meeres hinausblicke. Eine Ruhe, ohne Ruhelosigkeit. Manchmal beim Essen in der Crewmesse, wenn ich die Gespräche meiner Kollegen ausblende, weil mein Newsticker auf dem Handy sich bemerkbar macht. Oder auf Kabine in meiner Koje, wenn beim Einschalten des Fernsehers die Nachrichtenmeldungen den kleinen Raum auf See fluten und schwierige Fragen in mir aufwühlen. Wenn die Realität dem Abenteuer seinen Zauber nimmt. Nur wenige Seemeilen von unserer Wiege aus Sicherheit, Spaß und Erholung entfernt, herrscht ein Alltag aus Aufstand, Flucht und Zerstörung.

Während der 23-tägigen Transreise von Abu Dhabi nach Palma de Mallorca sehe ich Küsten von Ländern, an denen Kreuzfahrtschiffe auch in ferner Zukunft nicht anlegen werden. Anfang April befindet sich unser Schiffsparadies AIDAstella noch im Golf von Aden. Viele Bordgäste genießen die exotische Sonne in ihren Liegestühlen. Mit der Kamera halte ich das Geschehen auf dem Pooldeck fest. Ein älteres Paar sitzt im Whirlpool und winkt mir zu. Neben mir sitzen zwei Kinder, die mich mit ihren großen Augen beobachten. Auch sie wollen einmal Filmstars sein. Einige spielen Volleyball. Andere schlürfen ihren Hugo. Manche beobachten über die Railing gebeugt die auf beiden Seiten vorbeiziehenden Wüstenlandschaften.

Da ist auf Steuerbordseite, der Jemen. Hier überlagern sich religiöse, regionale und internationale Konflikte. Jemen, ein im Bürgerkrieg versunkenes Land, das nicht zur Ruhe kommt. Mehr als 5000 Menschen sind bereits gestorben, die Hälfte von ihnen sind Zivilisten. Drehe ich die Kamera in Richtung Backbordseite, zeigt sich das Horn Afrikas mit Somalia. Auch eine Aussicht mit bitterem Beigeschmack. Dort, wo der Bürgerkrieg, der 1991 ausgebrochen war, die Menschen aus den Städten pumpt. Wer kann, flieht ins Ausland – nach Dschibuti, Jemen, Kenia und Dubai. Mehr als zweieinhalb Millionen Somalier wurden aus ihren Häusern vertrieben, eine Million floh ins Ausland, eine weitere Million, die meisten davon Zivilisten, kam um. Immer wieder verübt die radikalislamische Schabab-Miliz Anschläge auf Hotels und Restaurants.

Es folgen weitere vier Seetage durch das Rote Meer, bis der Kapitän einen Halt in Aqaba macht. Von hier aus sind für den nächsten Tag Ausflüge für die Gäste in die verlassene Felsenstadt Petra geplant. Ein Kulturdenkmal, das manch einer als Kulisse aus Steven Spielbergs Film  Indiana Jones und der letzte Kreuzzug kennt.

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Einlaufen im Hafen von Aqaba, Jordanien

In Jordanien mit sechs Millionen Einwohnern halten sich gegenwärtig rund 1,5 Millionen Flüchtlinge auf. Doch von dieser Problematik kriegen die Reisegruppen während unseres Aufenthaltes nicht wirklich etwas mit. Zufrieden kommen sie von ihrem Abenteuer aus Petra wieder. Nach nicht einmal 48 Stunden legen wir wieder vom Hafen ab. Hinter uns haben wir Dschibuti, Eritrea und den Sudan gelassen. Regionen mit Einwohnern, heimgesucht von Kriegen, Staatszerfall, Stagnation und Gewalt. Krisenländer, die man aus den Nachrichten kennt. Vor allem dadurch, dass aus ihnen unaufhörlich Menschen die Flucht ergreifen und sich auf dem Weg nach Europa und in die arabischen Länder machen.

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Der 162 km lange Suez-Kanal

Auf dem Weg nach Europa sind auch wir. Am 23. und 24. April durchquert unser Kreuzfahrtparadies AIDAstella den 162 km langen Suez-Kanal. Stärker könnte hier der Kontrast nicht sein. Links von uns, bewässerte Grünflächen mit Wasser aus dem Nildelta über den Ismailia-Kanal. Dagegen hält sich auf der Steuerbordseite, die karge Wüstenlandschaft meist bis zum Horizont. Immer wieder begegnen uns Baustellen, Soldaten und Wachtürme. Der Kanal ist militärisch ein Hochsicherheitsgebiet. Hinter Ismailia erreichen wir die größte Dreheisenbahnbrücke der Welt. Die El-Ferdan-Brücke, ein 340 m langes Bauwerk, das seit 2001 in Betrieb ist. Später fahren wir unter der vier Kilometer langen Suez-Brücke hindurch, einst bekannt als Mubarak-Friedens-Brücke. Einige Stunden später habe ich die Stadt Port Said an der Ausfahrt des Kanals vor Augen. Der Wind wird kühler. Langsam breitet sich das Mittelmeer vor unserem Bug aus. Ein weiterer Schauplatz, ein weiteres Politikum.

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Vor der Ausfahrt des Suez-Kanals, Port Said

***“Was passiert, wenn wir auf Flüchtlinge treffen?“***

Nicht selten stellen mir besorgte Gäste die Frage, was denn passiert, falls wir im Mittelmeer auf Flüchtlinge treffen. In diesem Jahr ist die Zahl höher denn je. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ertranken zwischen Januar und Mai mindestens 2.510 Flüchtlinge beim Versuch der Überfahrt nach Europa. Eine Statistik die Crewmitglieder und Touristen beschäftigt. Nach internationalem Seerecht ist die Besatzung jedes Schiffs verpflichtet zu helfen, wenn ein anderes Schiff in Seenot ist. Die Besatzung wurde dafür geschult. Genau dies wurde auch vom Kapitän klar und deutlich kommuniziert.

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Das Mittelmeer – ein Sehnsuchtsort

Allerdings treten auch immer wieder ethische Fragen auf. Dürfen wir dort Baden und Schnorcheln, wo andere ums Überleben kämpfen? Dies muss jeder für sich selbst beantworten. Darf ich das Elend ausblenden und auch die Idylle genießen? Es gibt keine gute Antwort. Das Gute und Schlechte der Menschheit liegen leider überall sehr nah aneinander. Ich selbst will versuchen mich zu mindestens mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen. Allerdings passiert dies manchmal auch ungewollt.

*** Wenn das Weltgeschehen persönlich wird***

Nizza –  wie schön ist das Feuerwerk, das wir in Ajaccio genießen. Es ist der 14. Juli, der Nationalfeiertag der Franzosen. Gemeinsam mit meinen Kollegen genieße ich das Auslaufen aus Korsikas Hafen. Ein paar Stunden später sitzen wir im Crewbereich. Neben uns blitzen Fernsehbilder auf. Nicht ganz realisiere ich, worüber gerade berichtet wird. Der Arbeitstag war lang und ich bin müde. Nach einem Feierabendbier falle ich erschöpft in meiner Koje. Am nächsten Morgen, als ich die Nachrichten anschaue, bekomme ich Gänsehaut. Nizza. Die Strandpromenade des Anglais. Mindestens 85 Personen wurden getötet und mehr als 300 zum Teil schwer verletzt. Auch hier bieten wir wöchentlich Ausflüge an. Ich schaue mir die Aufnahmen von der Strandpromenade an, wo ich Tage zuvor noch gedreht habe. Der Schock unter Crew und Gästen ist spürbar. Dieses Mal geriet das Urlaubsparadies in Wanken und wir fühlen uns alle davon betroffen.

München – viele Kilometer liegen zwischen Heimat und Bordleben. Als meine Flugdaten von Palma de Mallorca nach München kommen, freue ich mich darauf, meine Freunde und Familie wiederzusehen. Mein Flieger soll am 23. Juli um 20:55 Uhr nach München gehen. Den Abend zuvor sitze ich am Bildmischer und darf das erste Mal die Abendsendung Prime Time fahren. Kurz vor Beginn erhalte ich die Nachricht, dass es einen Amoklauf in München gibt. Schüsse sollen gefallen sein. Tode soll es geben. Das erste Mal fühl ich mich persönlich betroffen und hilflos. München. Eine Stadt, in der ich auch gelebt, gearbeitet und viel gefeiert habe. Während tausend Gedanken durch meinen Kopf schießen, fahre ich die Abendsendung an Bord. Nicht wirklich kann ich den Gesprächen der Sendung folgen. Viel zu sehr mache ich mir Sorgen um meine Freunde. Geht es ihnen gut? Die Gedanken  fahren in meinem Kopf Achterbahn.

 

***Warum es ein Traumjob bleibt***

Media Team Sommer 2016
Das Media Team auf AIDAstella, Sommer 2016

Millionen Touristen zieht es an die zahlreichen Strände und kulturreichen Städte. Zwischen Spektakel und Massentourismus sind auch immer wir, die TV Operator von AIDACruises. Unsere Aufgaben – der Dreh und Schnitt der Reisedokumentation Unvergessliche Momente und das Fahren der AIDA TV Sendungen und Live-Shows an den Kameras und dem Bildmischer.  Viele unvergessliche Drehmomente liegen hinter mir. Sei es der Sonnenaufgang in der Al-Khatim Wüste bei Abu Dhabi oder die Dhaubootsfahrt entlang der Küste von Muscat. Nie werde ich den weißen Glanz der riesigen Scheich-Zayid-Moschee und die Fahrt durch den Suez-Kanal vergessen. In Erinnerung bleiben viele eindrucksvolle Bauwerke, wie die Sagrada Familia in Barcelona, das Pantheon in Rom oder der Burj Khlaifa in Dubai.

Ich lerne Crewmitglieder, Gäste, Reiseleiter und Einwohner mit den unterschiedlichsten Nationalitäten kennen. Persönliche Begegnungen, welche die Dreharbeiten erst so besonders machen. Menschen, die einen daran erinnern, dass es zwischen all den Nachrichtenandrang auch kleine Oasen zu entdecken gibt. Ich denke da an den Jeepsafari-Reiseleiter Khan aus Dubai zurück, der meine Kollegen und mir das Nachtleben der Metropole näher bringt. Der omanische Taxifahrer in Muscat, der uns spontan auf einen arabischen Kaffee in seinem Haus einlädt und über seinen langjährigen Dienst für den Sultan Qabus ibn Said erzählt.

Eine Erfahrung meiner ersten Schiffsepisode ist, dass sich die traurige Realität und das Urlaubsparadies gelegentlich über den Weg laufen. Dadurch bekommt manchmal das Abenteuer an Bord einen schalen Beigeschmack. Trotzdem – ich heuer erneut an. Schon am 23. September soll es auf dem Kreuzfahrtschiff AIDAluna weitergehen. Der Reiz zur See zu fahren, ist immer noch geblieben. Mein Drang Abenteuer und Geschichten zu erleben, ist noch längst nicht gestillt.

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