VOLONTARIAT BEI THOMAS JUNKER: Kaunertal – Ein Geschmack von Heimat

Es ist Ende Januar. Ein Zauber von Vergangenheit und Gegenwart liegt in der Luft von Kauns. Tradition fließt durch meine Nase. In einem mit weißen Fliesen gesetzten Keller treffen wir den Bauern Hansjörg Haslwanter und seinen Vater Heinrich. Köchelnd steht ein uriger 79-Liter-Ofen vor Ihnen. Es herrscht Hochkonjunktur in der Kaunser Schnapsbrennerei vom Möslhof, der mehr als nur ein Bio-Betrieb ist. 

Die Holztür geht auf. Eine warme Luft strömt mir entgegen und ich schüttle den letzten Schnee von meinen Schuhen ab. Große Plastiktonnen schmücken den Gang vor dem circa 10-Quadratmeter großen Kellerraum. Heinrich Haslwanter, in blauer Arbeitskleidung, öffnet langsam den Deckel und beginnt mit einer Kelle die Birnenmaische in mehreren Eimern zu schöpfen. Für den 79-Jährigen ein leidenschaftliches Schöpfen auch in seinen Erinnerungen. Das Schnapsbrennen hat er damals von seinem Vater gelernt, als er sich eine eigene Destille kauft. Stolz ist er auf seine Brennlizenz, die er seit den 50er Jahren besitzt. Viel mehr erfüllt ihn aber mit Stolz, dass sein 48-jähriger Sohn Hansjörg diese langjährige Tradition im Winter fortführt.

Hansjoerg-Haslwanter1

Um sieben Uhr in der Früh heizen die beiden Kaunser Bauern die erste Ofenladung ein. Mehrfach pro Tag. Punkt 19 Uhr ist Feierabend. Die Brenndauer ist genau vom Zollamt vorgeschrieben. „Die ergibt sich aus der Maischenmenge und den Ausbeutesatz“, erzählt Hansjörg und zeigt den roten Hefter mit Lizenz und Mengennotierungen. Mit dem Finger auf den Kessel gerichtet erklärt er uns, dass der Schnapsgewinn von der Obsterntemenge abhängt. Der Vorrat von Äpfeln, Birnen und Spänlingen fällt jedes Jahr unterschiedlich aus. Besonders wertvoll sind darunter die seltenen Spänlinge oder alten Birnensorten, wie beispielsweise die „Gute Luise“ und der „Clapp Liebling“. Viele Obstbäume stammen noch aus der Zeit der Grundzusammenlegung, die hier Anfang der 60er Jahre stattfand. Nachdem das Obst gewaschen und gemahlen wird, kommt es in die Plastikfässer, um zu gären. Im Winter, wenn Hansjörg Zeit hat, wird dann gemeinschaftlich gebrannt.

Hansjörg verstaut den dicken Hefter wieder in dem Regalschrank. Die Mitschriften und sichere Verwahrung gehören zu den Vorschriften. Mein Blick wandert zu seinem Vater Heinrich, der die schweren mit Maische gefüllten Eimer zum geöffneten Ofenkessel trägt. Eimer für Eimer beginnen sie diese hineinzuschütten.  Nach einer kurzen Alkoholmeterkontrolle setzt sich Hansjörg wieder vor uns auf seinen kleinen Hocker. Der Ehemann und Vater von drei Töchtern schmunzelt. Eine Sache hat sich gegenüber früher schon verändert. Als die Schnapsbrennerei noch in der Obhut seines Vaters lag, wurde der Schnaps noch mit knapp 48 Promille gebrannt. Über Hansjörgs Gesicht macht sich ein ansteckendes Grinsen breit: „Der hat nur gebrannt. Um die Frucht besser herauszuschmecken, wird heute der Feinbrand auf 42 Promille runtergemischt.“

Hansjörg glaubt fest daran, dass die Tradition des Schnapsbrennens in Kauns weiterleben wird. „Da gibt’s ja so viele verschiedene Brennhütten oder Brennstationen. In jedem zweiten oder dritten Haus ist da eine Brennerei. Und das Schöne an der ganzen Geschichte ist, da wird dann jeder von jedem eingeladen.“ Wie so eine gemeinschaftliche Verkostung ausschaut, erleben Thomas, Charly und ich drei Tage später in dem kleinen Kellerraum. Aufgetischt sind Speis und Trank, alles aus eigener Hand hergestellt. Brot, Käse, Hauswurst und natürlich der Bauernschnapsl. Am Tisch sitzen achtzehn Leute aus drei Generationen. Und plötzlich verstehe ich die EINE Aussage von Hansjörg, umso mehr:

„Ich verbinde mit dem Schnapsbrennen Tradition. Ich sehe meinen Vater. Ich sehe da die ganzen alten Leute von früher, wie sie Schnaps gebrannt haben. Und der Vater erzählt mir die Geschichte, wie sie früher schwarz gebrannt haben. Und das ist für mich Heimat.“

„Heimat“ – ein Wort, das mich zum Denken anregt. Obwohl ich nicht aus dem Kaunertal komme, bekomme ich hier erneut ein heimisches Gefühl geschenkt, das mich willkommen heißt und wie zu Hause fühlen lässt. Großvater, Vater und Sohn – drei Generationen. Und vielleicht bald noch von Weiteren, die diese Tradition von Schnapsbrennerei fortführen werden. Ein Prost und Dankeschön für diesen unbezahlbaren Geschmack! Die Videos dazu gibt es hier: http://vimeopro.com/thomasjunker/ein-jahr-im-kaunertal

Samantha M. Günther ist Assistentin dieser Filmproduktion und wird an dieser Stelle neben dem Filmemacher Thomas Junker von ihren Erlebnissen und Eindrücken während der Dreharbeiten berichten.

Mehr Infos zum Film “Ein Jahr im Kaunertal – Nacht & Heint” gibt es hier

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